http://mobil.berliner-zeitung.de/kultur/kolumne-ueber-mastgefluegel-zu-tausenden-zusammengepfercht,23785224,30613682.html

Unsere Autorin und Tierethikerin Hilal Sezgin tauscht einen Blick mit einer Ente aus, die mit 3500 anderen zum Schlachten transportiert wird. Und sie erzählt eine Geschichte mit Happy End.

Es war 23 Uhr, ich war hundemüde und wegen des Bahnstreiks mit dem Auto unterwegs. Das Wort Sekundenschlaf kam mir in den Sinn, ich steuerte die nächste Tankstelle an. Doch ein stetiges Hintergrundgeräusch hinderte mich am Schlafen. Eine quietschende Maschine? Zwei alte heiseren Männer, die sich angifteten?

Ich stieg aus und folgte den Geräuschen… bis zu einem LKW mit Anhänger. Auf der Ladefläche stapelten sich gelbe Plastikkisten. In jeder Kiste war etwa ein Dutzend hellgelber Bündel zu erkennen. Die hellgelben Bündel hatten wiederum hellgelbe Schnäbel, und viele von ihnen schnatterten unablässig. Es handelte sich um einen Transport von Enten.

Wie es bei „Mastgeflügel“ üblich ist, werden sie recht dicht in vergitterte Kisten gepackt; sie haben kein Futter, kein Wasser. Eine der Enten schnatterte nicht, sie (oder er) schaute mich an. Das Auge ein glänzend schwarzer Knopf in hellgelbem Flaum, es verfolgt mich immer noch.

Elf Stunden nach Holland

Zunächst ging ich zu meinem Auto zurück, dann nahm ich meinen Mut zusammen und drehte wieder um. Der Fahrer des Transports kam gerade aus der Tankstelle zurück, er sah ein bisschen aus wie Meister Propper; auf beiden Seiten zurrte er die Haltegurte um die Kisten fest. Ich sprach ihn an, fragte nach den Enten.

Ja, das seien „Pekingenten“, erklärte er, insgesamt 3500. Er hatte sie in Dänemark abgeholt und fuhr sie nach Holland. Hier machte Meister Propper mit dem Finger eine Bewegung, die Halsabschneiden symbolisierte; dazu grinste er nicht unfreundlich.

Wie lange er von Dänemark nach Holland unterwegs sei? − Elf Stunden, davon 1,5 Stunden Pause. − Ob er die geschlachteten Enten auch wieder mitnehme? − Nein, das Fleisch fährt ein anderer LKW zurück nach Dänemark.

Die Enten schnatterten immer noch, rundherum war ja schon tiefdunkle Nacht, aber von der Tankstelle her schien Licht über den LKW und strahlte Federn und Daunen an, die im Strudel aufsteigender Luft gen Himmel schwebten. Ich schaute den hellen Flocken hinterher und fragte mich, was das Schnattern wohl hieß: Aufregung? Durst? Angst? Ich fragte mich auch, ob ich ihn bitten könnte, mir ein oder zwei Enten zu schenken… Aber es wäre ohnehin unmöglich, einzelne Tiere zu entnehmen, und die Kisten waren ja ganz hoch aufeinander gestapelt.

Fahrt Richtung Tod

Die Enten fuhren weiter in Richtung Tod, und ich nach Hause. Um das Geschnatter und um diesen glänzenden schwarzen Knopf zu vergessen, dachte ich an ein Video, das mir ein Bekannter zufälligerweise erst wenige Tage zuvor geschickt hatte. Es zeigt das Happy End, das all diesen 3500 vorenthalten war, und diese (wahre) Geschichte geht so: Der Bekannte, nennen wir ihn Markus, hatte sechs Enten im Alter von drei Wochen erhalten; auch sie waren hellgelb und stammten aus einer Mastanlage.

Obwohl Enten bekanntlich Wasservögel sind, haben sie in ihrem kurzen Leben keine Gelegenheit zu baden; aus den Tränksystemen, die so bemessen sind, dass kein Wasser „vergeudet“ wird und die Einstreu befeuchtet, können sie nicht genug Wasser entnehmen, um sich zu reinigen. So verdreckt, und an Wasser nicht gewöhnt, erbte Markus die Enten.

Föhn für die Enten

Er ließ Wasser in die Badewanne, zuerst nur ein wenig. Die Enten, schnatternd, irritiert, sich beschwerend, brauchten nur ein paar Minuten, um sich an das neue Element gewöhnen. Markus ließ mehr Wasser ein. Die Enten „erinnerten“ sich ans Schwimmen. Sie flatterten mit den noch nicht ausgewachsenen Flügeln, um sich zu benetzen. Sie tranken erstmals aus einem offenem „Gewässer“. Sie tauchten die Köpfe unter und den Körper, sie putzten sich mit dem Schnabel das seitliche und hintere Gefieder.

Nach zwanzig Minuten waren die Tiere erschöpft – und durchnässt. Normalerweise fetten Enten ihr Gefieder ein, aber die Bürzeldrüse produziert nur Fett, wenn sie auch genutzt wird. Markus föhnte die Enten, was sie sich erstaunlich protestfrei gefallen ließen. Er wisse nicht, ob sie nur müde waren, oder ob sie etwas Zutrauen gefasst hatten – aber ihm schien, dass die Enten, die bis dahin sehr gestresst gewirkt hatten, seither ruhiger waren. Es muss eine unglaubliche Erleichterung für sie gewesen sein, endlich zu baden. Markus brachte sie auf einen Lebenshof, und weil sie nicht geschlachtet wurden, leben sie noch heute.