Schon beim Lesen der Buchinfo denke ich “das wird spannend”:

Jeden Tag wollen und sollen wir ein bisschen besser werden. Im Beruf wollen wir immer erfolgreicher sein. Bessere Ergebnisse erzielen. Bessere Mitarbeiter sein, bessere Chefs. Zu Hause bessere Partner, bessere Eltern, bessere Liebhaber, besser aussehend, fitter, gesünder. In der Freizeit bessere Sportler, bessere Künstler usw. Auch die Welt, die uns umgibt, muss dauernd optimiert werden.

Doch es sind nicht die „ökonomischen Naturgesetze” unseres Wirtschaftssystems, die uns in diese Steigerungsspirale zwingen. Es ist unsere Mentalität, der „puritanische Geist“, der unsere Arbeits- und Konsum-Moral seit Generationen prägt. Wenn wir die Errungenschaften unseres Wohlstands endlich genießen wollen, müssen wir uns von diesen glücksfeindlichen Wurzeln befreien.

Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnis verrät schon die Grundpfeiler des Kapitalismus und dessen Kritikpunkte: Konsum, Arbeit, Menschen, Markt und Staat.

Beim Stichwort Arbeit führt Höfer an, wie aketisch, gar puritanisch die fleißigen Arbeitsleben geworden sind, dass kein Mensch das Geld genießt, sondern für absurd Unbefriedigendes Schulden gemacht werden. Expansionsgier, Dauermoralismus, Erschöpfung durch Dauerinszenierung des eigenen Selbst, Beschleunigungsdruck…wie halten die Menschen all diesem Stand? Höfer schrieb jahrelang für das Blatt Capital. Gut zu wissen, wenn ich mich aufs Querlesen der 254 Seiten begebe. Der Politologe hat zumindest etwas kosntatiert, was ich schon jahrelang beobachte: Egal, wie viel die Menschen erlangen, bekommen, verdienen, sie bleiben unzufrieden und Glück bleibt eine stetige, unerreichbare Utopie. Für mich liegt die Antwort schon lange in nicht zählbaren und zahlbaren Werten. Passion, Leidenschaft, Projekte usw. erfüllen, nicht das Gehalt oder Geld ohne Ende. Es macht nur sorglos, nicht glücklich. Diese beiden Dinge sollten nie miteinander verwechselt werden.

Womit Höfer auf jeden Fall recht hat, ist, welchen Stellenwert wir immer wieder in sozialen Gefügen der beruflichen Aufgabe beimessen. Kein Smalltalk mit neuen, unbekannten Menschen im Familien- oder Job-Umfeld, der nicht zuerst die Frage stellt “Was machst du?” …damit ist immer der Beruf, die Arbeit, die Wertigkeit meiner Zeit gemeint. Keiner fragt zuerst nach Hobbies, Aufgaben,Pojekten. Immer nach der Arbeitsstelle. “Arbeitslosigkeit” erntet betretenes Schweigen. Das sagte ich neulich auch zu Phil, dass ich das so sehr mag, wenn wir Leute aus “unserer Szene” treffen, und wir haben einige Berührungspunkte, niemand fragt nach dem Gelderwerb. Es herrscht stillschweigender Konsens, dass wir irgendwas machen, um unser Leben zu finanzieren, mitsamt Projekten und Konzerten und Reisen, aber niemand fragt, was das Gegenüber arbeitet. Wozu auch? Weil normalerweise der Wert von Menschen danach bemessen wird. Zum Glück bei unseresgleichen eben nicht.


Aktuelle Studien beweisen, dass die, die zu viel arbeiten, gerne weniger arbeiten würden. Und die, die nicht mehr arbeiten dürfen (Frauen, Minijobber, Halbtagskräfte), gerne mehr … und treffen würden wir uns alle in der Mitte? Schön wärs! Utopie und Realität klaffen weit auseinander.

Der von ihm beschriebene “Dauermoralismus” ist einer der Punkte, die bei mir auf Gegenwehr stoßen. Dass inzwischen auf Zigarettenschachteln Warnhinweise prangen, ist für Höfer eine Ausgeburt der “Tugendwelle”. Sehe ich anders. Für mich ist die Aufklärung, woher Lungen- oder Hautkrebs kommt, augenscheinlich notwendig, wenn blind konsumiert wird, wie es heutzutage der Fall ist. Wenn die Unmündigen keine Ahnung haben, muss man sie eben (notfalls von höherer Stelle) aufklären,  das wusste schon Immanuel Kant. Wie das auch umgekehrt super funktioniert, sieht die vegane Community an Lobbylügen wie “Die Milch macht’s”, was sie eben gar nicht tut. Für Höfer aber steigert die Hypermoral nicht die Moral an sich, und dabei knöpft er sich den Umstand vor, dass Bewerbungen ohne Bild diskrimierungsfrei sein sollen. Für ihn ist es aber der “Kern der Persönlichkeit”, wie mensch aussieht, und was mensch ist (Geschlecht, Alter). Veto. Im Beruf sollten (!) nur die Kompetenzen zählen. Tun sie natürlich nicht. 😉

Höfer schreibt sehr fachlich und im wirtschaftlichen Jargon, kein Wunder aufgrund seiner Vita. Auf den verbleibenden Seiten geht es dann noch um die neue Welt der Selbstinszenierung. Beim Namen Katzenberger habe ich das Buch erstmal weggelegt. Selbstoptimierung wird in den Grenzen der Möglichkeiten ausgelebt, ist klar. Es geht dann um Joko & Klaas, Hipster und Nerdbrillen, Individualismus der keiner ist, und mir wird es textlich zu oberflächlich. …

Das Buch hat mich nicht erleuchtet, unterhalten oder neue Erkenntnisse geliefert. Aber ich habe mich in manchen Aspekten in meiner eigenen Meinung gefestigt gefühlt. Ist ja auch was! 🙂


KAT

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My kind of music, my kind of life. 2009 fand mich der Veganismus. Beste Wahl. Straight Edge bin ich, seit ich 16 bin. Against the grain. Poesie produziert mein Hirn auch ab und zu. Für Feminismus und gegen Nazis. An Alle, die überlegen, auch etwas DIY aufziehen: einfach machen. All das mache ich, weil ich dachte: Ich kann das auch.