Papa – dass Männer meine persönliche Freiheit eingeschränkt und mich belästigt haben, hat angefangen, als ich noch nicht mal Brüste hatte. 21 Jahre ist das her und es hat nie aufgehört. Ich habe die erste Szene noch heute so vor Augen, als wäre es gestern. Ich hatte mir mein erstes Kleid gekauft. Ich war zwölf, eher eine von den spät entwickelten und fand einfach nur das Muster schön, schwarzer Hahnentritt auf Mintgrün. Ich bin ganz stolz damit durch die Stadt gelaufen, mein erster eigener Einkauf! Ich quere die Weimarer Fußgängerzone (und ich sehe noch heute, 21 Jahre später, genau die Ecke vor mir) und drei mindestens 30-40-jährige Männer mustern mich von oben bis unten, aufdringlich langsam, von Fuß bis Kopf, bis einer zischt: „Wenn sie bloß ein bisschen älter wäre…“.

Ich habe das nicht verstanden damals, aber ich habe mich geekelt. Ich habe mich geekelt davor, dass sie mich mustern, mich ungefragt bewerten, mich behandeln, als wäre ich ein Stück Stoff. Ich die Ware, sie die Wählenden. Was das „wenn“ dann gewesen wäre, wurde offengelassen. Aber selbst mir, als naives zwölfjähriges Kind war klar, dass die unausgesprochenen drei Punkte etwas waren, was mich zum Objekt machte, was mir jede Entscheidungsmacht nahm; es etwas war, über das sie verfügten, was sie sich nehmen würden von mir, auch wenn ich das nicht wollte. Etwas, was mich bewertete und zu ihrem Lustobjekt machte (egal, wie eklig ich sie finde)  – nur, weil ich von der Schule nach Hause laufe. Nur, weil ich langsam vom Kind zur Frau werde. Ich kannte den Begriff Sex noch nicht mal.

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