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Eine Frau, die in einer Großstadt lebt, kann offen sagen, dass sie lesbisch ist, oder nicht? Unsere Community-Autorin hat an ihrem Arbeitsplatz andere Erfahrungen gemacht.

Ich bin eine Lesbe, aber vor allem ein Mensch

Vor Kurzem erst habe ich einen neuen Job angefangen. Den Alten habe ich zwar nur für drei Monate gemacht, doch er war tatsächlich so schnöde, dass ich mich ganz schnell nach anderen Herausforderungen sehnte (aber das ist eine ganz andere Geschichte). Und nun habe ich etwas gefunden, was meine liebsten Menschen um mich herum als einen „Job, der wie für dich gemacht ist“ bezeichnen. Und es stimmt: Ich liebe das Büro, meine Aufgaben, die Kreativität, den Ablauf, die Stimmung und vor allem: meine Kollegen. Allesamt sind sie wunderbar begabt, klug und herzensgute Menschen. Rosarote Glitzer-Einhorn-Welt pur – bis ich über einen Mittagspausenplausch in ein Gespräch über Lesben verwickelt wurde.

„Schwule Männer sind so witzig und süß, aber bei Lesben, also ich weiß auch nicht, warum müssen die denn immer so männlich sein?“, schoss es einer Kollegin wie aus der Pistole heraus. Das hatte sie wohl schon länger mal loswerden wollen. Und die andere feuerte nach: „Naja, aber ich habe gelesen, dass das bei Männern biologisch ist und Frauen erst mit der Zeit lesbisch werden und meistens aus schlechten Erfahrungen heraus.“ „Aha“, denke ich mir. Und bleibe still. Denn was die beiden nicht wissen: Ich führe eine Beziehung mit einer Frau, womöglich der Liebe meines Lebens, und das seit nahezu einem Jahr.

Lesben sind nicht, Lesben werden

Und was die beiden auch nicht wissen: Ich wurde glücklicherweise nie vergewaltigt, habe keinerlei Missbrauch erfahren, habe einen ganz guten Draht zu meinem Vater und lag auch schon mit Männern in der Kiste, doch kann darüber nichts grundsätzlich Negatives berichten – bis auf die üblichen Start-, Ausdauer- und Ego-Schwierigkeiten der Männer, und, dass es mich nicht zu Höhenflügen getrieben hat … wenn ihr versteht, was ich meine. Das alles wird jedoch oft als Grund angegeben, warum Lesben zu eben dem werden: Lesben. Jawoll, richtig gelesen: Lesben werden erst lesbisch. Und ich frage: Geht’s noch?

Erst abends realisierte ich den Inhalt dieses Gespräches vollständig und Tränen der Wut rollten, auch irgendwie aus Wut auf mich selbst: Mir wurde meine Identität und Sexualität abgesprochen. Schwule Männer werden so geboren, sie dürfen die kleinen, knuddeligen Teddys sein, die dich als bester Freund in jeder Lebenslage kuscheln, aber – Achtung! – manchmal auch ganz schöne Sturköpfe sein können. Ja, auch das sind Klischees. Aber für mich, als Frau mit Frau, gelten andere Stereotype: Ich trage ein kleines Aggressiv-Ventil in mir und von mir wir erwartet, dass ich endlich meine Transformation als äußerliche Lesbe einleite, mit kurzen Haaren und so.