In diesem Artikel geht es um den Vortrag mit dem schnörkellosen Titel „Was Polyamorie ist und was nicht, welche Varianten es gibt, was davon wie funktioniert und was man alles falsch machen kann“ vom 17.02.2016, der im Café Kollektiv Fatsch in Köln Kalk gehalten wurde. Cloudy, die Referentin, besitzt über 20 Jahre Erfahrungen in dem Gebiet und teilt diese gerne mit dem Publikum. Sie wies eingangs darauf hin, dass sich der Inhalt auf ihre persönlichen Erfahrungen und Einschätzungen beziehen und diese für andere Menschen hinfällig sein könnten. Sie führt die Metapher „Polyamorie ist wie Eislaufen – es funktioniert nicht auf Anhieb, von anderen Abschauen und vor allem selbst erfahren hilft“ und den Spruch „Don’t be scared, be prepared“ an. Natürlich ist Polyamorie nicht für jeden etwas. Wenn man schon nicht in der Lage ist, eine Beziehung zu führen, ist es wahrscheinlich, dass man nicht mehrere Beziehungen führen kann. Gleiches gilt übrigens für die Liebe. Vorneweg werden die Beziehungsformen in der Zahl der Partner unterschieden: die gängige Beziehungsform ist die Dyade, die Zweierbeziehung. Dem folgt die Triade, eine Beziehung in der drei Menschen verwickelt sind. Das Märchen sind mehr als drei Personen. Des Weiteren gibt es Bezeichnungen für die unterschiedlichen Beziehungsformen, der Partner ist der Partner, Paramour ist der geheime Partner, der Metamour ist der Partner des Partners. Am Ende des Artikels gibt es ein Cheat-Sheet zum Thema „Vielfalt der Liebesbeziehungen“. Der Vortrag gliedert sich nach den jeweiligen Fragen des Titels.

Was ist Polyamorie?

Polyamorie ist eine spezielle Beziehungsform, in der man mit mehreren Partnern Liebesbeziehungen führt und alle Beteiligten über die Form des gesamten Beziehungsnetzes Bescheid wissen. Der Begriff stammt auf dem griechischem „Poly“ (viele) und dem lateinischem „Amor“ (Liebe) und steht für „vielfache Liebe“. Grundvoraussetzungen hierfür ist eine transparente Kommunikation und Information, Einvernehmlichkeit aller Beteiligten, keine Exklusivität, es sind mehr als zwei Partner möglich, es ist ein längerfristiges Commitment mit allen Konsequenzen und Beziehungsethik (anständiges, integres Verhalten). Alle Beziehungsprobleme werden durch Polyamorie multipliziert – daher sei die Polyamorie die Paradedisziplin der Beziehungsformen?!

Welche Varianten gibt es?

Es gibt verschiedene Varianten von Polyamorie, wie die

 Poly-Fidality (Treue, geschlossene Mehrfachbeziehungen / Gruppentreue)

 Group-Marriages (Stamm/Tribe/Sippe)

 hierarchische Polyamorie (primary partner, secondary partner/ Partner A ist mir wichtiger als Partner B)

 egalitäre Polyamorie (niemand hat Vorrang)

 Solo-Polyamorie (man hat 2 oder mehr Partner, lebt aber alleine als Single, genießt Freiheit, individuelle Lebensentscheidungen und Individualität, die Abwesenheit der Beziehungstreppe (das Zulassen von 1. Stufe Date, 2. Stufe Küssen, 3. Stufe Sex, 4. Stufe Beziehung, 5. Stufe Ehe, 6. Stufe gemeinsam Sterben usw.)  Mono-Polyamorie-Beziehung (1 Partner lebt polyamor, der andere mono)

Was ist Polyamorie nicht?

 Fremdgehen

 don’t ask don’t tell

 offene Beziehung

 Polygamie (Mehrehe)

 Beziehungsanarchie

 Freundschaft + (fuck buddies/friends with benefits)

 „herumdaten“ (dating around)

 Promiskuität

 Red-Shirt-Polyamorie (Beziehungspartner wie Dinge behandeln bzw. opfern wie die Red-Shirt-Fraktion bei Star Trek, die immer sterben)

Wie funktioniert Polyamorie?

 Falsche Regeln ändern und nicht daran festhalten

 Autonomie aller Partner / Beteiligten

 Integrität – Gleichheit bei sagen und denken sowie handeln & fühlen

 Selbstsouveränität

 Füllelogik (von allem ist ausreichend vorhanden) statt Mängellogik (Ellbogengesellschaft, Feinde)

 Erwartungen kommunizieren und abgleichen mit der Realität (Bsp. Geburtstagsgeschenk – schenkt ein Partner, was sich der andere wünscht, ohne es kommuniziert zu haben?)

 Meta-Partner kennenlernen

 Freundlichkeit

 Unterstützung

 Lebe dein Verändern

 Perspektive & Zukunft bieten viele Möglichkeiten

 Glücklichsein können

 Keine Angst vor Versagen, Fehlern, Ausgrenzung, Zukunft & Abweisung haben

 Nichtperfektion

 „Zeit & Energie sind endlich!“

 Menschen sind wichtiger als die Beziehungen!

Wie man alles falsch machen kann?

 Den Partner ändern (von Mono nach Poly)

 eine nicht-freiwillige polyamore Beziehung ( emotionale Ausbeutung)

 Menschen wie Dinge behandeln

 Beziehungen wichtiger als Menschen

 Beziehung als Machtinstrument nutzen (mit Macht und Eifersucht spielen,

gegenseitig ausspielen, Gruppenzwang)

 Nullsummenspiel (Das „gewinnen“ und „verlieren“ in Beziehungen; win-lose / win-win)

 Ungleichberechtigung, Machtgefälle/Hierarchie

 Trophäensammlung (Sex bzw. Beziehungen wie Dinge (!) sammeln=

 Pokémon-Polyamorie (gotta catch em all / Briefmarkensammeln)

 Frankenpoly (Beziehungspartner als Bedürfnisbefriedigungsmaschinen benutzen)

 Einhornjagd (hohe Restriktionen, wenig Chancen auf Beziehung)

 Cat-Collecting

 Verlustängste (es ist nicht schlimm, Dinge bzw. Menschen zu verlieren – genieße sie lieber, solange sie da sind)

 Versprechen von Gefühlen für die Zukunft (…„bis der Tod euch scheidet“)

 Emotionale Missbrauchssituation

 Vermeidung von Verletzlichkeit

 Eifersucht ist keine Tugend

 Der Grund für Eifersucht ist nicht Auslöser für Eifersucht  own your shit! (Der Grund liegt bei der Person, die Eifersucht empfindet und nicht bei der Person, die sie auslöst!)

 Selbstaufopferung

 Kummerkasten-Funktion (ein Partner heilt Beziehung von zwei anderen)

 An nicht funktionierenden Regeln festhalten

 Verbot

Die Kernessenzen des Vortrags sind Selbstbestimmung, Ehrlichkeit, Offenheit, Autonomie, die Kommunikation als „key factor“ und vor allem andere Menschen nicht wie Dinge zu behandeln. Eigentlich selbstverständlich, in der Realität spiegeln sich auch andere Bilder wieder, einige wurden hier in dem Vortrag als Negativbeispiele angeführt. Der „fairste“ Variante von Polyamorie ist meiner Meinung nach die egalitäre Polyamorie, da es keine Hierarchie gibt und alle Partner gleichwertig geschätzt werden – letzten Endes muss aber jede polyamore Konstellation für sich selbst entscheiden, was für alle Beteiligten die optimale Lösung ist. Eine große Herausforderung, die es aber laut der Referentin Wert ist, anzugehen.

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Simon

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