Moin, Moin, erstmal vielen Dank für eure Zeit. Als kleine Einleitung würde ich gerne etwas über eure Geschichte erfahren! Habt ihr euch in der Südkurve kennengelernt oder über die Straight Edge Szene?

Das fing bei einem großen Teil von uns über Konzerte und die Hardcore/Punk Szene an, vor allem auf den Hamburger Shows, meistens in der Roten Flora. Daraus ist dann ein kleiner Kreis aus sXe Leuten entstanden, die zusammen viel vor der Eisbande rumhingen und dann beschlossen, gemeinsam als Crew ans Millerntor zu gehen. Andere kannten sich bereits aus dem Mittelblock in der Südkurve und wir vernetzten uns. Die Südkurve ist ja so groß, dass man nicht auf dem Schirm hat wer da eigentlich alles steht.

Wann genau war der Punkt an dem ihr gedacht habt, jetzt gründen wir den Fanclub „Straight Edge St. Pauli“?

Unsere Crew bestand ja zum Teil aus SXE`lern, die vorher bereits in diversen anderen Gruppen aktiv waren. Wir hatten Leute von USP & den St. Pauli Skinheads bei uns. Das erste „Straight Edge St Pauli“ Banner wurde dann am 1.3.12 an den Zaun gehangen und wir waren als „SXE FCSP“ geboren. Nach der Gründung sind wir immer regelmäßiger als Gruppe zu den Spielen gegangen, auch bei Auswärtsfahrten in Sonderzügen, ausgestattet mit veganem Kaviar und spritzigem alkoholfreiem Sekt, einige anfangs auch mit dem X auf dem Handrücken. Wir wollten zeigen, dass wir auch ein Teil davon sind, auf unsere Art eben. Wir sind aus unterschiedlichen Gründen Edger geworden – der es am längsten ist, seit über 17 Jahren. Edger gibt es ja mehrere in der Süd, aber seit 2012 haben wir eben versucht uns auf unsere Art in der Kurve als aktive Fangruppe zu beteiligen und zu vernetzen. Durch unsere ständige Präsenz, unsere mit viel Liebe gebastelten Fahnen, Doppelhalter, Sticker und dem lauten Support (meisst rechts der USP-Trommeln) wurden wir dann doch schnell akzeptiert. Zu unserem 3. und zu unserem 5. Geburtstag haben wir kleine Choreographien gebastelt. Auch haben wir es uns nicht nehmen lassen, die eine oder andere Tapete im Stadion zu zeigen. Meistens im Kontext gegen Nazis. Wobei wir auch bei „Recht auf Stadt“ Demos als Unterstützer aktiv waren. Anfänglich wollten wir auch eigene Konzerte durchführen, was von einigen von uns auch ohne den Fanclub lief und so blieben diese Projekte schlussendlich doch getrennt.

Was bedeutet für euch Straight Edge als Fanclub: reiner „Lifestyle“ oder sober living for the Revolution ?

Wir sind alle politische Menschen und setzen uns auch außerhalb des Stadions für eine „bessere“ bzw. andere Gesellschaft ein. Sei es im Tierschutz, bei antifaschistischen Initiativen, der Arbeit mit Jugendlichen oder als MusikerIn – „Straight edge“ zu leben ist ein Aspekt von vielen, um eine Gesellschaft zu verändern. Deshalb wird es nie „reiner Lifestyle“ sein, der uns verbindet, sondern das Leben von Überzeugungen. Aber sind wir mal ehrlich, es gab auch bei uns „Verluste“, wo wir einige Mitglieder_innen an den Konsum „verloren“ haben. Dass die dann nicht mehr bei uns mitmachen konnten, versteht sich von selbst.

Ich ertappe mich öfters dabei, dass ich bei Heim- und Auswärtsspielen genervt bin von betrunkenen Menschen und mich zum Teil auch unwohl fühle. Wie ist das für euch als Edger in einer Kurve zu stehen oder in einem Bus zu sitzen, wo viele Menschen stark betrunken sind und geraucht wird?!

Grundsätzlich ist es eine persönliche Entscheidung, ob ich straight edge lebe oder nicht. Wir haben keinen „missionarischen“ Anspruch. Aber wenn jemand durch den Konsum von Drogen oder Alkohol andere Leute bedrängt, belästigt oder sonst wie blöd angeht, haben wir da durchaus ein Problem mit. Solange „leben und leben lassen“ funktioniert und die Leute sich noch soweit unter Kontrolle haben, dass sie die Grenzen anderer Menschen respektieren und nicht verletzen, sollen sie doch konsumieren was sie wollen. Aber wenn diese Rücksichtnahme nicht mehr stattfindet, ist es doch grundsätzlich nervig, egal ob Edger_Innen oder nicht. Und wenn wir mal ehrlich sind, dann ist es doch auch ätzend, wenn die Leute so voll oder breit sind, dass sie den Support nicht mehr hinbekommen.

Wir haben bei Heimspielen seit ca. 2 Jahren eingeführt, dass abwechselnd jemand aus der Gruppe Wasser von Viva con Aqua holen geht. Zum einen, um uns mit alkoholfreiem Nass zu versorgen und nicht den Caterer im Stadion, sondern direkt das Wasserprojekt zu unterstützen. So kommen je Spiel auch Menschen in unserem Umfeld, die nicht im Fanclub organisiert sind, in den Genuss.

Inwieweit spielt bei Straight Edge Sankt Pauli Veganismus eine Rolle?

Veganismus spielt durchaus eine Rolle, ist aber keine Voraussetzung, um bei uns Mitglied zu sein. Wir haben uns auf die klassischen Grundsätze von straight edge geeinigt: Keine Drogen, keine Zigaretten, kein Alkohol. Alles darüber hinausgehende ist die Entscheidung jedes einzelnen Mitglieds.

Seht ihr euch hauptsächlich als Fußballfanclub oder gibt es auch Aktionen die ihr als SXE St. Pauli durchführt, wie zum Beispiel Shows veranstalten?

Wir sehen uns als Fußballfanclub, der ultra-orientierten Support macht. Unsere Doppelhalter kennt hinter uns jede_r 😉 . Wir helfen nach unseren Möglichkeiten Choreographien durchzuführen und übernehmen auch Aufgaben der Kurve (z.B. Spendensammeln oder die Basch verkaufen). Unser Wirkungsfeld ist explizit auf’s Stadion und sein Umfeld konzentriert und nicht auf die Straight-Edge-Szene.

Unser Verein gilt ja für viele als Vorzeigeclub was den Kampf gegen Sexismus, Homophobie und Rassismus angeht. Jedoch veröffentlicht das Aktionsbündnis gegen Homophobie und Sexismus Sankt Pauli öfters mal Texte und Eindrücke von Spieltagen wo dann eben doch nicht alles so rosig ist. Wie ist eure Wahrnehmung bezüglich Sexismus und Homophobie in der Kurve?

Wir stehen bewusst in der Südkurve. Hier gibt es ein gemeinsames Verständnis von Zusammenleben und Umgang miteinander. Wenn da Leute aus der Reihe tanzen und sich nicht an diesen Grundkonsens halten, gehen wir das gemeinsam an. Manchmal kann man das in Gesprächen klären, die Kurve selber ist aber kein Diskussionsforum, so dass Situationen gibt, in denen auch einfach nur Ansagen weiterhelfen. Die Süd steht für eine Kurve fern ab von Diskriminierung jeglicher Art und wer sich in die Süd stellt, hat sich daran zu halten. Unsere Gesellschaft ist leider häufig ein sexistischer, homophober, rassistischer und xenophober Ausfall. Das geht uns überall gegen den Strich – nicht nur im Stadion. Wir nehmen aber leider auch wie du wahr, dass es beim FC Sankt Pauli eine Diskursverschiebung diesbezüglich gibt und reaktionäre, „unpolitische“ Positionen immer mehr in den Vordergrund drängen. Bestes Beispiel dafür ist die Skandalisierung der Dresden-Tapete von USP im Februar 2017 („Schon eure Groszeltern haben für Dresden gebrannt. Gegen den doitschen Opfermythos!“). Diese Entwicklung finden wir scheiße.

Fußball ist auch immer ein Spiegelbild der Gesellschaft. In den letzten Jahren ist der Rassismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wie spiegelt sich das eurer Meinung nach in den Stadien wieder?

Wie gerade schon ausgeführt, verschärft sich das gesellschaftliche Klima immer mehr und fortschrittliche und emanzipatorische Ansätze werden um Jahrzehnte zurückgeworfen. In den Stadien kann man das hervorragend beobachten. Gruppen, die sich gegen diese Tendenzen in ihrer Fanszene gestellt haben, sind mit Repressionen von Staat, Vereinen und Verbänden konfrontiert. Ultragruppen wie zum Beispiel in Braunschweig und Aachen wurden sogar als „Nestbeschmutzer“ von der eigenen Fanszene geächtet. Gut finden wir hingegen, dass in vielen Stadien Refugees Welcome Banner und Aktionen aufkeimen. Hier zeigt die Fankultur ganz klar, dass wir sehr wohl einen großen Anteil an sozialem Bewusstsein haben und nicht die dummen grölenden Fußballassis sind (also nicht nur). In Babelsberg wurde z.B. soviel Geld gesammelt, damit nach Rojava ein Feuerwehrauto gespendet werden konnte.

Gibt es eine Politisierung in den deutschen Stadien?

Wir sind politisch und müssen nicht erst „politisiert“ werden. In anderen Stadien ist das zum Teil anders. Wir sind nicht so schizophren und behaupten, dass man sein politisches Ich am Stadioneingang ablegen könne. Wir sind und bleiben politisch! Wir verstehen uns auf jeden Fall auch als ein Teil der aktiven Fanszene beim FCSP. In anderen Stadien kommen aber leider bei schwachen oder fehlenden aktiven Fankulturen oft rechte Strukturen vor. Wir betrachten so Tendenzen wie in Düsseldorf sehr kritisch! Gerade in Düsseldorf haben einige von uns viele Freunde und kennen sich in der Fanszene gut aus. Dass Nazis, Hools und „unpolitische“ Ultras der linken Szene regelmäßiger an den Kragen gegangen sind, haben wir auch im Stadion in Düsseldorf nicht unkommentiert gelassen (Solitapete). Naja und am Ende ist das ganze Leben doch politisch und es gibt keinen unpolitischen Moment. Entsprechend ist z.B. schon eine vereinsinterne Positionierung zu verschiedenen Themen, die Organisation von Mehrheiten auf Mitgliederversammlungen oder die Auseinandersetzung mit Spielzeiten und Verbandsreglements Politisierung und Aktivierung von bis dato „unpolitischen“ Menschen (sofern sie sich dafür interessieren und eine Meinung bilden).

Beim FC Sankt Pauli sind die Ausgangsvoraussetzungen dafür besser als anderswo, weswegen wir es auch in der Verantwortung der Fanszene vom FC Sankt Pauli sehen, mit anderen solidarisch zu sein. Es gibt viele verschiedene Fanclubs in der Südkurve mit unterschiedlichen linken Ansätzen.

Wie hoch ist die Reflexion innerhalb der Fanszene grade auch in Bezug auf Choreos und Tapeten?

Sagen wir mal so, es wird kurvenintern schon viel diskutiert. Aber in der Regel findet man einen Konsens. Manche Sachen finden auch wir nicht so nice. Die Frage wird wohl aber auf die USP Tapete im Bezug auf das Dresden Spiel gemeint sein. Auch wir haben uns da unsere Gedanken gemacht. Wir fanden zunächst die schnelle Positionierung des  Fanclub Sprecherrates (FCSR) und des Vereinspräsidiums nicht so geschickt. Wir sehen in der zugegeben provokanten Tapete aber einen wichtigen und richtigen Punkt angesprochen. Es geht um den Geschichtsrevisionismus der unter anderem in Dresden zutage kommt. Mit anderen Gruppen, die einen linken Anspruch haben, sehen wir kurvenintern eigentlich keine Probleme. Aber die Fanszene beim FC Sankt Pauli ist ja keine homogene Szene. Es gibt einen Haufen unreflektierter Ansichten, einen Haufen unkritischer Menschen und einen Haufen Aussagen, die es deutlich zurück zu weisen gilt. Die Reaktionen auf Choreos, Tapeten und eben auch Pyro ist ja immer wieder auch ein guter Gradmesser dafür, wie es um die Reflexion wichtiger Themen bestellt ist. Wenn es dem allgemeinen „Sankt Pauli Feeling“ zuträglich ist, wird alles gerne mitgenommen. Sobald es aber mal ein bisschen weh tut, ein bisschen weg von „Party-Pauli“ geht, tun sich Abgründe auf. Nicht nur bei Auswärtsspielen gibt es immer wieder (auch handgreifliche) Auseinandersetzungen, weil Leute nicht kapieren wollen, dass bei uns diskriminierende Beleidigungen wie „Fotze“ oder „Schwuchtel“ sowie Naziklamotten nicht geduldet werden.

Welche Zines aus der Ultraszene würdet ihr uns empfehlen und warum?

Auf jeden Fall das Transparent Magazin, weil es kritisch die Entwicklungen im Fußball – auch international – beleuchtet und weil man es als „ultranah“ bezeichnen kann, ohne dass es den „Ultra-Lifestyle“ abfeiert. Klar auch die 45Grad, da sie über deutlich korrektere Gruppen berichtet als z.B. die Blickfang Ultra. Zudem ist die 45Grad besser geschrieben 😉 Und natürlich die Basch, die USP-Postille ;).

Und was haltet ihr von „Blickfang Ultra“, das es ja immerhin breit verfügbar an Bahnhofkiosken

gibt?

Keine Ahnung, noch nie gelesen. Nein Quatsch. Es gibt auch das Transparent Magazin oder die 45Grad an vielen Bahnhofkiosken zu erwerben. Es gibt also Alternativen. Abgesehen von quantitativem Müll (Bayer Leverkusen Ultras schon wieder auf Malle am posen, *gähn*) ist die BFU qualitativ durch viele rechtsoffene bis rechte Gruppen (z.B. aus „Kotzbus“) ein Zine in dem viele extrem uncoole Gruppen eine Plattform suchen. Den Südkurven Weg, in der BFU nicht zu schreiben, finden wir daher richtig.

Welche Ziele und Wünsche habt ihr für euch, die Gruppierung und den Verein?

Wir wollen mehr werden, aktiv und laut in der Kurve bleiben und als Fanclub von Nicht-Edgern nicht kritisch beäugt werden, sondern als ein Bestandteil der aktiven Süd verstanden werden. Und selbstverständlich wollen wir, dass Sankt Pauli in der Champions-League gegen Barcelona und co spielt, der G20 Gipfel doch nicht ins Viertel kommt und es vegane Donauwelle für alle gibt (ein Gruß an unsere ehemalige Gruppenbäckerin).

Gibt es noch etwas was ihr zum Abschluss sagen wollt, was wir vergessen haben zu fragen?

Vielen Dank für das nette Interview mit den anregenden Fragen, wir finden das XclusiveX Fanzine derbe gut und freuen uns deshalb riesig für euer Interesse. Ansonsten kommt nach Hamburg ans Millerntor, supportet mit uns im Block für den FCSP, denn St.Pauli ist die einzige Möglichkeit! Forza FCSP !

Dankeschön!


Nic

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